Meister Lampes Lebenslicht.

Wisst ihr, Kinder....es gibt so Tage, da denkt man eigentlich dass nicht viel schiefgehen kann. Gestern war mal wieder einer von diesen. Die ganze letzte Woche war bereits verdammt viel los im Job, was unter anderem auch einer der Gründe dafür geworden ist, dass ich es am letzten Wochenende nicht geschafft habe zwei Artikel, die bereits vorbereitet im System liegen, fertig zu schreiben und zu veröffentlichen. Und nach gestern (Nacht) hat jetzt diese Geschichte hier eindeutigen Vorrang. Kurz zum gestrigen Tagesablauf: Es war wie immer stressig und anstrengend, allerdings auch sehr angenehm und schön. Einige Kollegen aus unserer Londoner Dependance waren zu Besuch in Düsseldorf und wir sind Abends, nach verrichtetem Tagwerk noch nach Oberkassel in's Muggel gegangen, um einen netten Abend mit gutem Essen, guten Gesprächen und viel Lachen zu verbringen. Bei einer Konstellation aus zwei Briten, einem Iren, einem Franzosen, einer Polin, einem Pakistani ((??) Sorry, Murtaza, bitte nicht hauen solltest du das hier lesen und Inder sein!! :D) und mir deutschen Spaßbremse konnte aber auch eigentlich...ganz genau, nicht viel schiefgehen. Der Abend hielt dann auch was er versprach und kurz nach Mitternacht machte ich mich dann auf den Weg gen Heimat. Weit bin ich zunächst allerdings nicht gekommen. Kaum war ich am Büro vorbei und auf halben Weg zwischen Düsseldorf und Meerbusch (diese Wegstrecke beläuft sich auf etwa 600m) passierte es. Ich bog um eine scharfe 90°-Kurve und hatte besagte 600m gerader Strecke vor mir, eingerahmt von Brachlandschaften und mehr oder weniger unberührten Wiesen. Wie mir bereits aus vorheriger, regelmäßiger Frequentierung durchaus geläufig war, handelt es sich bei diesem Abschnitt des Heim- bzw. Arbeitswegs um eine Strecke, an welcher man des öfteren Hasen, Füchsen, und allerlei größerem Wildgeflügel begegnen kann. Daher war ich auch nicht weiter verwundert als ich in einiger Entfernung, es mögen etwa 80 Meter gewesen sein, eine kleine, dunkle Gestalt mitten auf der Straße sitzend im Licht meiner Scheinwerfer erblickte. Ich wurde etwas langsamer, wunderte mich aber dass sich der kleine, dunkle Haufen nicht bewegte und scheinbar keine echten Anstrengungen zu unternehmen schien, die Straße zu räumen. "Nun gut, dann halt noch langsamer und im Zweifelsfall halte ich eben an." dachte ich so bei mir. Sollte es sich um ein bereits totes Tier handeln, bestünden genug Möglichkeiten es weiträumig zu umfahren. Allein das Tier bewegte sich. Langsam. Sehr langsam. Und irgendwie sah es merkwürdig aus. So als ob es etwas hinter sich herziehen würde. Oder müsste. Und im nächsten Moment war mir auch schon klar, was ich da vor mir hatte: Ein frisch angefahrenes Tier. Ich sage euch, das ist kein wirklich schönes Gefühl. Die Dunkelheit hat es nicht ermöglicht auf die Entfernung zu erkennen, um was für ein Tier es sich handelte und wie schwer es verletzt war. Innerhalb von 2 Sekunden war ich dann allerdings so nah an es herangefahren, dass ich es einwandfrei als Hasen identifizieren konnte. Als einen kleinen, süßen Feldhasen, der offensichtlich die Hinterläufe nicht mehr bewegen konnte und verzweifelt versuchte, die Straße zu überqueren.
Ich fuhr also ganz langsam an ihn heran und bin dabei im Kopf schon meine Optionen durchgegangen. Weiterfahren kam für mich zu keiner Nanosekunde in Frage. Das Tier lebte noch, also musste ich ihm helfen. Egal wie. Ich fuhr ganz langsam bis auf 2 Meter an den Hasen heran und blieb mitten auf der Straße stehen. Währenddessen robbte sich der/die Kleine mit den Vorderläufen über die Gegenfahrbahn und versuchte, die Wiese und Büsche auf der anderen Seite zu erreichen. In dem Moment war mir auch klar, dass ich das verhindern musste. Wäre der Hase erst einmal im Unterholz verschwunden, so hätte ich jede Chance ihn zu finden sofort begraben können. Also: Fahrzeug aus, Warnblinklicht an, Fernlicht an (wie gesagt, ich stand mitten auf einer 600m langen, geraden Strecke und ich hatte keine Lust ein anderes Fahrzeug an meinem kleben zu haben) und langsam aussteigen. Das hat Hoppel natürlich gemerkt und seine Anstrengungen verdoppelt. Zum Glück war an dieser Stelle ein ziemlich hoher Bordstein, den er nicht überwinden konnte. Ein sanfter und beherzter Griff (tausendfach bei meinen Katzen geübt, der Kleine hier hat sich aber bedeutend weniger gewehrt, was erfreulich war) und der Hase lag bei mir im Arm. Ruhig atmend und nicht zitternd. Was ich als gutes Zeichen werten wollte. Erst im zweiten Gedankengang kam ich dann auf die Idee zu schauen, ob der Kleine irgendwelche äußeren Verletzungen hatte. Was zum Glück nicht der Fall war. Ich hab nämlich exakt keine Ahnung wie ich bei deinem Hasen einen Druckverband anzulegen hätte um eine Blutung zu stoppen.

Da stand ich also nun. Mitten in der Nacht, mitten auf einer Landstraße, mit einem schwerverletzten Hasen im Arm. Was tun? Nun, zuerst ganz klar von der Straße runter. Und dann mal schauen. Das waren so meine Gedanken. Also habe ich Meister Lampe ganz vorsichtig in den Beifahrerraum auf die Fußmatte gelegt und habe den Wagen ein paar Meter weiter in die Bucht einer alten Bushaltestelle geparkt.

Armes_Häschen

Da standen wir nun. Um viertel vor Eins. Nachts. Kein Tierarzt hatte offen, das war mir klar. Also Telefon raus und die Feuerwehr angerufen. Da ich mitten zwischen Düsseldorf und Neuss (Meerbusch) stand hat sich mein Handynetz zunächst dafür entschieden, die Neusser Feuerwehr per 112 zu kontaktieren. Diese erwies sich als äußert fähige Vermittlungsstelle und stelle mich beinahe umgehend zu den Düsseldorfer Kollegen durch. Dort hing ich allerdings erst einmal in der Warteschleife. Bei grausamster Musik. Wäre ich jetzt bereits in Panik gewesen weil mein Haus abbrennt, diese Musik hätte mir den Rest gegeben. Den Interpreten verschweige ich an dieser Stelle aus Gründen des Diskretion. Nachdem dann das Gespräch von der Gegenseite angenommen und ich mein Anliegen vortragen konnte, versicherte man mir, man würde einen Wagen der Tierrettung schicken und ich solle deutlich erkennbar am Ort des Geschehens verweilen. Meister Lampe und ich hatten zwar kurzzeitig darüber sinniert uns beim in fußläufiger Entfernung befindelichen Mc Donald's mit einem großen Gartensalat (ohne Dressing) und einem kleinen Kaffee zu stärken, verwarfen diesen Gedanken ob der Anweisungen des Wachhabenden am Telefon wieder. Stattdessen machte es sich mein kleiner Freund im Fußraum bequem und ich stand draußen und wartete. Wobei mir wieder einmal die Nachteile des Konzepts "Don't drink and drive!" klar wurden. Man kommt zwar sicher an, aber mit 1 Promille Alkohol im Blut wäre mir in DER Situation sicherlich wärmer gewesen. Auf der anderen Seite hab ich keine Ahnung ob ich dann die Geistesgegenwart besessen und dem Hasen geholfen hätte. Zudem habe ich, wie einige von euch ja wissen, dem Alkohol sowieso vor einigen Jahren komplett abgeschworen. Also habe ich mich dadurch warmgehalten, den Hasen ab und an ein wenig zu streicheln und zu beruhigen.


Der Rest ist dann eigentlich schnell erzählt: Die Feuerwehr kam, hat sich den Hasen angesehen ("Der sieht abba nit wirklisch fit aus, de Kleene" - Ach watt, sach bloß! Und ich dachte der simuliert nur!!) und ihn dann vorsichtig in eine Transportbox gesetzt. Nach der üblichen Frage ob ich den Kleinen angefahren hätte wurde mir dann versichert, dass man ihn in die Tierklinik bringt und die Ärzte ihn sich anschauen werden. So weit, so gut. Ich glaube, die Herren von der Feuerwehr waren ein wenig verwundert dass es Menschen gibt, die Nachts um halb Eins wegen eines verletzten Hasen anrufen. Da sie nicht nach Kontaktdaten gefragt haben und ich leicht neben mir stand und es schlichtweg vergessen habe sie zu fragen, ob man mich benachrichtigen könnte wie es dem Hasen ergangen ist, werde ich es wohl nie herausfinden was mit dem Kleinen passiert ist.
Darüber habe ich mir dann auf dem Rest des Heimwegs auch schon so meine Gedanken gemacht. Ich hoffe wirklich, dass der/die Kleine es schafft. Denn irgendwie könnte ich mich dann erst so richtig gut fühlen. Aber sollte er es nicht geschafft haben dann weiß ich wenigstens, dass er nicht lange hat leiden müssen, da die Ärzte in einem solchen Fall wissen was zu tun ist.
Das war also meine letzte Nacht. Eine Nacht in der ich mal wieder gemerkt habe, dass ich schneller und intensiver bei Tieren mitfühlend werde als bei den meisten Exemplaren meiner eigenen Spezies. Und ich habe noch etwas über mich gelernt: Ich werde niemals in der Lage sein ein Tier einfach so seinem Schicksal zu überlassen und es sterben zu lassen. Nicht mit mir!

PS: Wer den Heiler verarscht, der läuft! ;)

So, das musste einfach nochmal raus und niedergeschrieben werden. Ich hatte es zwar schon kurz bei Facebook erwähnt, aber es war mir definitiv einen eigenen Eintrag hier wert. Wenn ich so bedenke was ich sonst so schreibe bzw. zu schreiben gedenke, so besteht eine realistische Chance dass dies der emotional gehaltvollste und inhaltlich wichtigste Beitrag sein könnte.

In diesem Sinn: Danke für eure Aufmerksamkeit!

tl;dr In meiner Gegenwart wird nie ein Tier* eines unnatürlichen Todes sterben. Nicht mit mir...nicht mit Commander!!

*Spinnen, Mücken, Fliegen o.ä. einmal ausgenommen.

Jan

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