Etwas fehlt.

Der perfekte Abend. Ein Konzert deiner Lieblingsband in einer geilen Location. Du bist nach einem freien Tag schon früh am Abend unterwegs, triffst dich mit deinen besten Freunden, die Dame deines Herzens ist ebenfalls dabei. Ihr geht vor dem Konzert noch etwas essen und seid trotzdem früh genug vor Ort, um einen guten Platz mit hervorragendem Blick auf die Bühne zu bekommen. Der obligatorische Besuch am Merch-Stand wird wie immer vorher erfolgreich abgeschlossen. Die Vorband fängt pünktlich an und ist musikalisch ebenfalls hervorragend, was ihr dank des glasklaren Sounds schnell merkt. Nach einer kurzen Umbaupause ist es dann so weit: Deine Helden entern die Bühne und legen los. Und wieder: Perfekter Sound, perfektes Licht, alle Musiker sind unglaublich gut aufgelegt, bieten eine fehlerfreie, energiegeladene Show, gespickt mit deinen Lieblingssongs. Die Energie überträgt sich auf deine Freunde und dich. Die letzten Songs nimmst du nur noch in Trance wahr, bewegst dich in und mit der Menge. Der besondere Effekt eines Metal-Gigs und der Musik allgemein: Sie verbindet, macht dich zu einem Teil des Kollektivs aus Fans und Musikern, welche durch die Musik miteinander verbunden sind, lässt dich aber gleichzeitig vollkommen in Ruhe und gibt dir das Gefühl, dass es nur dich selbst und die Musik gibt.

Plötzlich hast du das Gefühl, dass die Zeit um dich herum einfriert. Menschen um dich herum verschwimmen, du nimmst sie nur noch als ganz weit entfernte Geräusche wahr. Sie tun es. Sie spielen den Song, auf den du schon den ganzen Abend lang gewartet hast. Dein Lieblingslied. Der Song, der dich, deine Persönlichkeit, alles was du bist, in Worte, Melodien und Noten verpackt.

Du saugst alles in dich auf. Jede Note, jede Melodie. Du lässt dich treiben. Du schließt langsam die Augen und wartest auf den Moment. Den perfekten Moment. Den einen Moment, der dich eins mit dem Universum werden lässt. Den Moment, an dem das epischste aller Gitarrensoli sich durch deine Gehörgänge, Hirnwindungen und Herz fräsen wird. Untermalt von präzise sägenden, bleischweren Rhythmusgitarren und Keyboardteppichen. Du spürst diesen Moment mit jedem Herzschlag näher kommen. Dann ist er da. Und du...

...wirst mit einem Schlag zurück in die Realität gerissen. Was zur Hölle ist DAS?!?!? Es klingt wie das Solo, aber es fühlt sich nicht so an. Es wird perfekt dargeboten. Aber irgend etwas ist anders als du es gewohnt bist. Als du es von der Studioaufnahme kennst. Irgendetwas fehlt. Es ist als wäre ein riesiges Loch in dem Song. Und dieses Loch hat dich gerade hinab und aus allen Träumen und Emotionen gerissen. Und schlagartig ist dir klar, was anders ist. Was IMMER anders ist. Und was dir deinen Abend so eben ein klein wenig vermiest hat.

Dinge die auf einer Studioaufnahme funktionieren, müssen live nicht zwangsweise den selben Effekt haben. In meinem, ganz konkreten Fall sind es Gitarrensoli, harmonische Leads und deren rhythmische Untermalung. Welche in einem normalen Live-Band-Szenarion mit zwei Gitarristen leider komplett fehlt, wenn beide damit beschäftigt sind, ihren Äxten Gitarrenharmonien aus einem anderen Universum zu entlocken. Aber ohne den Druck und das Volumen (mindestens) einer weiteren Gitarre, die die Solierenden unterstützt und dem Sound zusätzliche Tiefe verleiht, klingt vieles live etwas zu dünn, zu wenig dynamisch und ist daher für mich auch emotional nicht so extrem berührend.

Dieses Szenario ist genau so und genau mir schon einige Male untergekommen. Bei den unterschiedlichsten Bands. Und ich konnte es nie wirklich für mich greifbar machen und in Gedanken und Worte gießen. Bis mir neulich beim wiederholten Konsum der ziemlich genialen "Colors:Live" DVD von Between The Buried And Me die finale Erleuchtung gekommen ist, welche hiermit für die Nachwelt und eventuelle Leidensgenossen und -genossinnen festgehalten wurde.

Und keine Sorge, ich habe und hätte einen solchen Abend trotzdem in vollen Zügen genossen! ;)

tl;dr

Bestimmte Details von aufgenommener Musik lassen sich live nur schwer bis gar nicht umsetzen und reproduzieren. Dies kann einen ziemlich starken Einflus darauf haben, wie das Konzert empfunden wird.

Jan

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