Einzelhandelsschicksale

Eigentlich mag ich den Einzelhandel. Ich bin sogar ein großer Fan davon. Man kommt mit Menschen in Kontakt und unterstützt die lokale Wirtschaft. Allerdings hat sich diese Liebe in den letzten Monaten mehr als deutlich abgekühlt. Dies liegt vor allem daran, dass sich Einzelhändler (egal ob selbstständig oder Teil einer Handelskette) immer mehr ihr eigenes, tiefes Grab schaufeln, und inzwischen scheinbar inklusive Spaten (aber leider ohne Leiter) tief am Boden der Grube stehen, und nicht mehr wissen, wie sie dort wieder hinaus kommen. Woher ich diesen Eindruck gewinne, möchte ich mit der folgenden Szene illustrieren, welche sich so oder so ähnlich immer öfter abspielt:

Ich: (betrete Ladengeschäft)
Verkäufer/in: Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?
Ich: Guten Tag. Ich bin auf der Suche/brauche ein #Art des Produkts einfügen#. Ich habe mich schon ein wenig vorab im Netz/Internet informiert (Verkäufer/in schaut skeptisch bis pikiert) und bin dabei auf #Name des Produkts einfügen# gestoßen (Blick des/der Verkäufers/in wird panisch oder wahlweise abweisend) und ich denke, dass dies genau meine Ansprüche erfüllt. Führen Sie dieses Produkt?
Verkäufer/in: Es tut mir sehr leid, aber leider haben wir genau DIESES Produkt nicht in unserem Sortiment. Aber vielleicht möchten Sie sich von einem anderen Produkt überzeugen lassen?
Ich: Vielen Dank, aber ich habe mich bereits umfassend informiert, mir die Produkte verschiedener Anbieter angeschaut, Preise und Bewertungen anderen Käufer verglichen, und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass #Name des Produkts einfügen# genau das Richtige ist. Könnten Sie mir eventuell zur Ansicht bestellen?
Verkäufer/in: Es tut mir leid, da wir den Artikel nicht in unserem Standardsortiment führen, können wir Ihnen das Produkt zwar bestellen, Sie verpflichten sich dabei allerdings zur Abnahme.
Ich: Wie lang müsste ich denn auf die Bestellung warten und was würde es mich kosten, wenn ich es hier kaufe?
Verkäufer/in: Ich denke, dass Sie ihre Bestellung in den nächsten 3-4 Tagen bei uns abholen könnten. Maximal dauert es aber eine Woche. Normalerweise. Kosten würde es sie #Preis einfügen der 10%-25% höher liegt als der VK im Netz#
Ich: Vielen Dank für die Informationen. Ich werde es mir nochmal durch den Kopf gehen lassen und schaue dann wieder rein. (verlasse das Ladengeschäft und bestelle im Internet).

Ganz ehrlich: So sehr ich mich auch bemühe und ein Argument für den Kauf im Einzelhandel finden möchte, es will mir einfach nicht (mehr oft) gelingen. Dass ich ein wenig länger warten müsste, um das Produkt in meinen Händen zu halten..geschenkt. Dass es etwas teurer wäre als die Bestellung im Internet....geschenkt. Beides ist für sich genommen vollkommen OK, in Kombination allerdings schon ein wenig unschön. Kommt jetzt noch hinzu, dass ich bei Bestellung oftmals zur Abnahme verpflichtet bin, dann ist der Einzelhandel leider Gottes definitiv raus. Gerade bei kostspieligeren Anschaffungen (z.B. einem neuen Objektiv für die Kamera) oder Dingen, bei welchen es auf sehr subjektive Eindrücke ankommt (z.B. Kleidung oder Schuhen), möchte ich das Produkt vorher in der Hand halten und bestenfalls auch ausprobieren können, bevor ich einen Kauf tätige.

Mir sind die Herausforderungen, welchen sich der Einzelhandel gegenüber sieht durchaus bewusst. Vor allem echte Einzelunternehmen stehen diesen meistens vollkommen hilflos gegenüber. Natürlich können sie nicht alle auf dem Markt und über das Internet recherchierbaren Produkte vorhalten. Allerdings bekleckern sich hier auch Ladengeschäfte von größeren Ketten oder Marken nicht gerade mit Ruhm. So geschehen just an diesem Wochenende. Ich habe einen neuen Sportschuh gesucht und ihn natürlich auch im Netz gefunden. Ich bin extra zu einem "Brand Store" in der Nähe gefahren, nur um gesagt zu bekommen dass sie dieses Modell leider nicht im Sortiment führen, es mir aber gerne bestellen können. Natürlich, wie hätte es auch anders sein können, nur mit einer damit verbundenen Abnahmeverpflichtung meinerseits. Da ich Schuhe nur sehr ungern über das Netz bestelle, haben sie mich an dem Tag trotzdem noch als Kunden gewinnen können, in dem ich mich für einen anderen, vor Ort erhältlichen Schuh entschied. Dies ist allerdings eine Ausnahme gewesen und keinesfalls ein Regelfall. Wäre es jetzt zum Beispiel ein neues Kameraobjektiv gewesen, so hätte ich es mir einfach im Netz bestellt, getestet und bei Nichtgefallen einfach zurückgeschickt. Wobei das Beispiel mit dem Objektiv auch eigentlich ein eher schlechtes ist, denn gerade im Bereich der Fotografie schaffen es größere Händlerketten oftmals, die von mir gesuchten Produkte auch vorrätig zu haben. Was sie dabei anders machen als beispielsweise ein Sportartikelhersteller, dass kann ich nur vermuten. Ich denke, dass es sich bei tendentiell hochpreisigen und zugleich platzsparenden Produkten wie Kameraobjektiven eher rechnet, einen großen und gut sortierten Lagerbestand vorzuhalten als bei Sportschuhen. Wobei sich auch dieses Problem lösen ließe. Unabhängige Händler schließen sich zu einem regionalen Verteilernetz zusammen und wenn ein angefragtes Produkt einmal nicht in einem bestimmten Laden vorrätig ist, kann es über Nacht bestellt und von einem anderen Laden geliefert werden. Gefällt das Produkt dem Kunden dann nicht, so kann es entweder zurückgeschickt oder so lange selbst gelagert werden, bis es erneut angefragt wird. Entweder vor Ort im Geschäft, oder in einem anderen Laden, an welchen es dann weitergereicht wird. Natürlich ist diese Herangehensweise mit Mehrkosten für alle Beteiligten (außer den Kunden) verbunden. Allerdings wird sich der Einzelhandel der Situation stellen müssen: Möchte ich investieren und gewinne so Geschäft zurück? Oder investiere ich nicht und bleibe bei der momentanen Strategie? In dem Fall bleiben die (Neu)kunden weiterhin aus und das Aufkommen wird sogar noch weiter zurückgehen. Denn der Einzelhandel steht in direkter Konkurrenz zum Internet. Wo den Kunden alle Optionen präsentiert werden. Ohne Verfügbarkeitsprobleme. Diesem Vergleich kann man sich nicht entziehen. Und die Kunden, welche sich aus Prinzip nicht im Netz sondern nur vor Ort informieren und dann auch kaufen, die wird es in nahe Zukunft (< 10 Jahre) nicht mehr geben.

Vielleicht bin ich aber auch nur ein Einzelfall und es liegt an mir, bzw. meiner Einkaufspolitik. Diese basiert auf der Maxime "Wer billig kauft, kauft meistens (mindestens) zwei Mal." Kombiniert mit meinem persönlichen Geschmack sind die meisten Produkte, welche mein Interesse und Bedarf wecken, eher im höherpreisigen Segment angesiedelt. Meistens etwa an der unteren Grenze des oberen Drittels der Preissegmente. Und genau in dieser Preisspanne haben die wenigsten Läden (egal um welche Produktkategorien es sich handelt) eine große Auswahl vorrätig. Meistens findet man vor Ort etwa 100% der Produktpalette des Niedrigpreissegments und einige ausgewählte Produkte der obersten Preiskategorie. In dem Segment, welches man in der Sprache der Automobilhersteller wohl als "gehobene Mittelklasse" bezeichnet, herrscht meistens gähnende Leere. Scheinbar kaufen die meisten Menschen lieber billig, und derjenige der es sich leisten kann schöpft lieber gleich die volle Preisspanne aus und greift in das oberste Preissegment.
Habt ihr so etwas auch schon beobachtet? Habt ihr ähnliche Probleme, vor Ort Dinge kaufen zu können, für die ihr euch vorab im Netz entschieden habt? Oder ist der alte Mann hier nur ein bedauerlicher Einzelfall?! :D

tl;dr: Ich bin gefrustet vom Einzelhandel. Ich informiere mich vorab im Internet, kann dann aber nur in den seltensten Fällen vor Ort im Laden kaufen. Und eine Besserung der Situation ist nicht in Sicht. Gute Nacht, Einzelhandel.

Jan

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Krefeld, Germany http://spuren-von-leben.de

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