Digitale Glaubensgrundsätze

Ich bezeichne mich selbst als digitalen Agnostiker, wobei es mir hierbei weniger um den Glauben an bzw. die Negierung einer oderer mehrerer Gottheiten geht. Während der Agnostiker im eigentlichen Sinn die Frage "Gibt es einen Gott?" mit "Das ist nicht beantwortbar." oder auch "Ich weiß es nicht." beantwortet, lautet die Frage in meinem Fall ein wenig anders. Und zwar in etwa so:

"Gibt es eine gewisse Planungssicherheit dass Anbieter/Dienst XYZ, dem ich da gerade meine Daten anvertrauen könnte, auch in X Jahren noch existent ist?".

Oder auch:

"Gibt es eine gewisse Planungssicherheit dass das Dateiformat XYZ, dem ich da gerade meine Daten anvertrauen möchte, auch in X Jahren noch existiert?".

In beiden Fällen muss die Antwort ganz klar lauten: "Ich weiß es nicht, das ist nicht beantwortbar.". Und das ist ein Problem. Denn ich habe inzwischen so viele Dinge des Lebens ausschließlich in digitaler Form vorliegen (hier sind vor allem Fotos und Musik zu nennen), so dass der Verlust bzw. die Unbrauchbarkeit dieser Daten eine mittlere bis große Katastrophe für mich darstellen wird. Ich möchte, dass alle Daten die mir wichtig sind, bis mindestens an mein Lebensende für mich auch nutzbar bleiben. Und um das zu erreichen, habe ich mich dem digitalen Agnostizismus verschrieben. Soll heissen: Ich verlasse mich nicht auf proprietäre Dateiformate oder Dienste einzelner Anbieter, sondern ich verwalte meine Daten eigenhändig und zumeist manuell und halte meine Dateiformate so universell verwendbar wie nur irgend möglich.

Beispiele? Gerne.

  • Kontakte: Ja, ich habe auch meine Kontakte in der iCloud oder bei Google, allerdings ist meine führende Datenquelle eine lokale Datenbank, wo ich alles händisch einpflege und Backups in Form von Textdateien (*.csv) anlege.

  • Fotos: Ich fotografiere im RAW Format und bearbeite die Fotos danach mit Lightroom. Die entwickelten Fotos werden als JPGS mit maximaler Qualität zusammen mit den RAW-Dateien an verschiedenen Orten außerhalb Lightrooms gespeichert. Die RAW-Dateien werden im Anschluss auch nicht gelöscht, da ich sie zu einem späteren Zeitpumkt eventuell noch einmal brauchen werde. Wann genau? Nun, JPEGs wird es nicht ewig geben. Irgendwann wird sich ein Nachfolgeformat durchsetzen, und dann würde ich meine Fotos trotzdem noch gerne verwenden können. Da JPEG ein verlustbehaftetes, komprimiertes Dateiformat ist, würde also eine Konvertierung der JPEG-Fotos in ein neues, wahrscheinlich erneut komprimiertes Format nur zu weiteren Qualitätsverlusten führen. Da ist es doch wesentlich cleverer, sich das originale RAW zu nehmen und gleich in das neue Format zu konvertieren, oder? ;-)

  • Musik: Der heilige Gral. Ich kaufe meine Musik bei iTunes. Punkt. Das war es. Alles andere geschieht manuell. Vom Anlegen und Benennen der Musikdateien und Ordner, über das händische Ändern der ID3-Tags, das Hinzufügen von Cover-Art und das manuelle Backup. Hier überlasse ich wirklich nichts dem Zufall. Und würde es eine (!) gute Quelle geben, an der ich meine Musik (Metal) als FLACs beziehen könnte, ich würde alle Alben sofort noch einmal kaufen.

Überhaupt ist Musik eines der besten Beispiele um zu verdeutlichen, worum es mir geht. Lasse ich meine Musik z.B. von iTunes verwalten, habe ich einige augenscheinlich ganz tolle Vorteile. Durch Apple Music bzw. auch iTunes Match habe ich die Möglichkeit, meine Musik über die Cloud auf alle Geräte zu syncen, und muss sie nicht lokal und per Kabel auf mein Telefon oder iPad laden. An sich eine tolle Sache, allerdings gibt es da eine Reihe von Problemen:

  1. iTunes überschreibt beim Sync die händisch geänderten Metatags und Cover mit den Daten, die bei Apple in der Datenbank für die Songs und Alben hinterlegt sind.
  2. Apple Music macht aus deinen frei nutzbaren Songs (von gekauften und digitalisierten CDs zum Beispiel) beim Sync auf andere Geräte Dateien mit DRM. Hast du deine "alten" Originale gelöscht, so bekommst du sie zwar wieder aus der Cloud geladen, allerdings ebenfalls nur DRM behaftet. (Hier eine kleine Übersicht zu der Thematik.)
  3. iTunes Match, Apple Music und die Cloud sind ja schön und gut, aber die Musik dort ist nur dann für mich erreichbar wenn ich noch genügend Datenvolumen auf meinem Tarif habe und obendrein, natürlich, eine WiFi oder Mobilfunk-Verbindung. Gleiches gilt im Übrigen auch für Spotify.

Ohne mich jetzt zu sehr in den Details zu Apple Music, iTunes, Spotify und Konsorten zu verlieren, bleibt generell festzuhalten dass der Trend zur digitalen Entmündigung immer weiter und verstärkt voranschreitet. Musik muss nicht mehr gekauft und eigenhändig gepflegt werden, sondern man hat eine App in der man sofort mit dem Konsumieren beginnen kann. Vorausgesetzt man hat den monatlichen Obulus entrichtet und eine Datenverbindung zur Hand. Und sollte der Dienst der Wahl irgendwann einmal eingestellt werden, so steht man ganz ohne Musik da obwohl man vielleicht ein paar hundert Euro in den Service investiert hatte. Sorry, aber das ist kein Modell mit dem ich mich auch nur im Ansatz anfreunden könnte.
Aber auch abseits der Musik lässt sich beobachten, dass immer mehr versucht wird den Nutzer so weit wie möglich von der Dateiebene fernzuhalten. Und die Gründe hierfür liegen weitestgehend auf der Hand. Mit einem einzigen Betriebssystem für Desktop- und Mobilgeräte kann man einfacher planen, kalkulieren und entwickeln. Und da weder auf Smartphones noch auf Tablets die Datei an sich eine Rolle spielt, sondern sich seit je her alles immer nur in den Apps abspielt, so wird eben versucht dieses Prinzip auch auf den Desktop zu übertragen. Eine Philosophie die ich zwar logisch nachvollziehen, aber in keinster Weise unterstützen kann. Denn sie raubt mir im schlimmsten Fall die Kontrolle über meine eigenen Daten, meinen Content, der an die jeweilige App gebunden sein wird. Und leider ist Apple mit iOS/OS X hier in einer Vorreiter-Rolle. Privat habe ich sowohl OS X als auch Windows 10 im Einsatz, und muss sagen dass ich mich unter dem Aspekt der Dateiverwaltung inzwischen auf Windows tausend Mal mehr zuhause und besser aufgehoben fühle, als unter OS X. Während Apple versucht, die einzelnen Anwendungen immer mehr und besser in das Betriebssystem zu integrieren, so dass der Anwender kaum noch mal in den Datenkeller hinabsteigen und eine Datei direkt aus dem Finder heraus öffnen muss, so ist bei Windows 10 der Windows Explorer mit seinen Ordnern und Dateien gefühlt immer noch die zentrale Schaltstelle im gesamten System. Und das ist auch verdammt gut so.

Ich könnte noch viel weiter und detaillierter ausholen, möchte es an dieser Stelle aber mal dabei belassen. Der Text ist eh schon wieder viel zu lang geworden. :D Ich kann für mich zusammenfassend nur sagen, dass ich auch weiterhin versuchen werde, meine Dateien und Inhalte plattform-, format- und programmunabhängig zu halten. Der damit verbundene Mehraufwand wird durch das bedeutend höhere Maß an Zukunftssicherheit mehr als nur ein bisschen aufgewogen.

Wie handhabt ihr es eigentlich? Ist euch egal was und wo eure Daten liegen und was mit ihnen passiert, sollten sich Programm- und Formatstandards einmal ändern? Oder gibt es verwandte Seelen da draußen? :-)

Jan

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